Entwicklungsaufgaben: Kind - Versorgung -Gesellschaft

Prof. Dr. Marcel Romanos
Wie steht es um unsere Kinder?
Viele internationale Studien legen einen Zunahme an psychischen Belastungen bei jungen Menschen nahe. Psychische Störungen sind der häufigste Grund für stationäre Behandlungen der 10-17 Jährigen in Deutschland. Die Inanspruchnahme steigt kontinuierlich und wir sprechen international von einer Youth Mental Health Crisis.
Gehen uns die gesunden Kinder aus?
Ist die Zunahme an Belastungen echt oder nur gefühlt? Reden wir die Krise herbei oder sind wir eine Gesellschaft, die immer kränker wird? Was sind die Ursachen?
Auf diese Fragen gibt es keine monokausalen Antworten. Aber wir können nicht mehr ignorieren, dass wir aus dem Traum einer stetig und kontinuierlich besser werdenden Welt erwacht sind und die Zukunft vielfach mit Ängsten verbunden ist.
Wird die sprichwörtliche “German Angst” noch weiter befeuert durch Klimakrise, Krieg und Benzinpreise?
Angst ist ein zentraler Motor für Dysfunktion und die Entwicklung psychischer Störungen. Unsere Angst ist aber der Motor für Dissens und Polarisierung. Diese Verunsicherung ist Programm und mithilfe von Social Media wird nicht nur die Psyche unserer Kinder angegriffen, sondern systematisch unsere Demokratie erodiert. Objektive Fakten werden verhandelbar und in der Phase des unbeschränkten Relativismus setzt sich die Wahrheit durch, die mit absoluter Rücksichtslosigkeit vertreten wird, egal wie absurd die Inhalte sind. Denken sie beispielsweise an die jeder Evidenz widersprechenden Empfehlungen des amerikanischen Gesundheitsministeriums. Aber wir auch in Deutschland jeden Tag polemischen, inhaltlich falschen und menschenverachtenden Behauptungen und Forderungen in der politischen Debatte ausgesetzt.
Wann wehrt sich die Demokratie?
Wann schützen wir unsere Kinder auch in digitalen Räumen? Ist TikTok wirklich ein Grundrecht?
Unsere Kinder haben nicht nur ein Anrecht auf Schutz, sondern auch Anspruch auf Versorgung wenn sie krank werden. Die Zahl der Fachärztinnen und Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie hat sich seit dem Jahr 2000 verdreifacht. Unser Versorgungssystem ist eines der besten und teuersten der Welt. Dennoch sind die Wartelisten lang, Schulen und Jugendhilfe sind unter Druck, die Versorgungskliniken berichten erhebliche Steigerungen bei den Notfallvorstellungen. Kinder mit psychischen Störungen weisen regelhaft komplexe Bedarfe auf. Einen medizinischen und psychotherapeutischen Behandlungsbedarf, einen pädagogischen Bedarf, einen schulischen Förderbedarf.
Einem Kind ist es aber egal, nach welchem Sozialgesetzbuch und durch welches System sein Hilfebedarf gedeckt wird. In unserer zersplitterten und von Einzelinteressen geprägten Versorgungslandschaft bleibt es Zufall, ob ein Kind und seine Familie die richtige evidenzbasierte Hilfe erhält oder nicht. Diese Zersplitterung ist primär unser Problem! Und wir machen es zum Problem der Kinder. Für ein Kind in der Entwicklung ist jeder Tag mit psychischer Erkrankung ein Tag zu viel.
Wie kann unsere Arbeit effizienter und schneller werden? Wie sichern wir die Versorgung in der Zukunft?
Wie lösen wir die Refinanzierungsfragen für defizitäre Kliniken und das ambulante Versorgungssystem?
Insofern gibt es für unser Fach und alle kooperierenden Systeme im Netzwerk eine Entwicklungsaufgabe. Und dazu müssen wir gestufte und integrierte Versorgungssysteme schaffen, mit unterschiedlichen Intensitäten der Hilfen und mit Überwindung der Sektoren und Schnittstellen, hin zu einer gemeinsamen Versorgungsplanung und gemeinsamer Verantwortungsübernahme. Nicht nur als Dienstleister der Versorgungssysteme haben wir Entwicklungsaufgaben. Die Interessen und das Wohl des Kindes endlich in den Mittelpunkt politischen und gesellschaftlichen Handelns zu stellen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
Wir warten auf die Regulierung von Social Media, wir warten auf die Zuckersteuer, wir warten auf die Kinderrechte im Grundgesetz, wir warten auf eine Normenkontrolle in der Gesetzgebung, wir warten auf kinderfreundliche Städte und auf ein Schulsystem, das der Verantwortung als zentraler Sozialraum gerecht werden kann u.v.m. Gemeinsam arbeiten wir dafür, dass Kinder die Chance erhalten, sich gesund zu entwickeln und ihre Entwicklungsaufgaben zu erfüllen.
Franz Kafka hat die Jugend folgendermaßen beschrieben:
Die Jugend besiegt alles, den Urtrug, die versteckte Teufelei, aber es ist niemand da, der den Sieg auffangen könnte, lebendig machen könnte, denn dann ist auch schon die Jugend vorüber.
Das Alter wagt an den Sieg nicht mehr zu rühren und die neue Jugend, gequält von dem gleich einsetzenden neuen Angriff, will ihren eigenen Sieg.
So wird der Teufel zwar immerfort besiegt, aber niemals vernichtet.
Alle, die sich um die Zukunft sorgen, dürfen nicht in der Angst verharren, sondern müssen zu Anwälten und Lobbyisten werden. Nicht für ein Fach oder eine Berufsgruppe oder ein Thema. Lassen Sie uns Aktivisten werden für die Kindheit und Jugend.